Das 21. Jh. wird allgemein als das „Jahrhundert der Städte“ bezeichnet, denn nie zuvor lebten so viele Menschen in Städten oder, allgemeiner ausgedrückt, urbanen Verdichtungen, die sich durch eine komplexe organisatorische und ökonomische Struktur sowie eine große Dichte an menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren auszeichnen. Aber auch ländliche Regionen sind inzwischen häufig insofern als ‚urban‘ zu verstehen, als die in der Stadt entwickelten Strukturen und Lebensformen hier zunehmend ermöglicht werden. ‚Urban‘ wird in der vorliegenden Area daher weniger als städtisch im modern-rechtlichen Sinn verstanden, denn als eine Lebensart, deren Genese etymologisch mit Städten verbunden wurde. Urban verdichtete Gebilde stellen ausgesprochen labile Gleichgewichte dar, denn sie sind sowohl strukturell als auch situativ mit einer Vielzahl als solcher wahrgenommenen exogenen und endogenen Herausforderungen konfrontiert. Durch die engmaschige strukturelle und soziale Vernetzung der urbanen Gefüge (Wasserversorgung, Transportwesen, Versammlungen, Erinnerungskultur, Gesetzgebung usw.), aber auch verschiedener urbaner Räume untereinander können sich hier unerwartete Verkettungen ergeben, wodurch auf einen Schlag große Menschenmengen in Mitleidenschaft gezogen werden.
Ziel der Thematischen Area ‚Urbane Verdichtung‘ ist es, die aktuelle Forschung zu Nachhaltigkeit, Resilienz und Transformation heutiger urbaner Verdichtungen um eine historische Perspektive zu erweitern und der Vielzahl an Strategien nachzuspüren, mit denen Menschen in Räumen urbaner Verdichtung in den vergangenen Jahrtausenden ökonomischen, ökologischen und sozialen Herausforderungen begegnet sind. Die vergleichende kultur- und zeitübergreifende Perspektive aus historischer Distanz heraus erlaubt, die Wahrnehmung, Konzeptualisierung und Bewältigung urbaner Herausforderungen zu strukturieren und vor allem auch die damit verbundenen langfristigen Transformationsprozesse zu beurteilen. Ein besonderer Schwerpunkt wird auf die sozialen Herausforderungen von Individuen und Gruppen gelegt, die sich trotz fragmentierter archäologischer und schriftlicher Quellengrundlage häufig gut greifen lassen. Die übergreifende Leitfrage lautet dabei, wie Menschen dauerhaft in Umwelten urbaner Verdichtung zusammenleben können.
In Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen (hessenARCHÄOLOGIE) und dem Magistrat der Stadt Hofheim untersucht das Römisch-Germanische Zentralmuseum, Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie (RGZM) die Besiedlung des Kapellenbergs bei Hofheim.
Das Rhein-Main-Gebiet mit der globalen Wirtschaftsmetropole Frankfurt und der Europäischen Zentralbank, dem internationalen Flughafen und den beiden Landeshauptstädten Wiesbaden und Mainz ist heute eine der zentralen wirtschaftlichen Drehscheiben in Europa. Alleine über den Frankfurter Flughafen werden jährlich über 50 Millionen Passagiere und über zwei Millionen Tonnen Fracht geschleust. Am Rheinhafen in Mainz wurden 2014 drei Millionen Tonnen umgeschlagen, das Frankfurter Kreuz passieren täglich 335.000 Fahrzeuge. Im Ballungsraum Rhein-Main leben derzeit etwa 4 Millionen Menschen.
Die europäische Drehscheibenfunktion ist im Wesentlichen durch die geographische Lage bestimmt: neben den sich hier kreuzenden Verbindungen zwischen Nord- und Süd aber auch Ost- und Westeuropa ist das Rhein-Main-Gebiet klimatisch günstig gelegen und verfügt über fruchtbare Böden.
So verwundert es nicht, dass die Anfänge des Ballungsraumes bereits vor 6000 Jahren greifbar werden, während des sogenannten Jungneolithikums. Zu dieser Zeit siedeln Bauern und Viehzüchter aus dem Pariser Becken und den Ardennen kommend im nördlichen Oberrheintal. Ihre Hinterlassenschaften werden mit dem archäologischen Fachbegriff „Michelsberger Kultur“ bezeichnet – diese existierte in unserer Region zwischen 4200 und 3500 v. Chr.
Rasch wird das Rhein-Main-Gebiet an nach Westen orientierte Verkehrsverbindungen angeschlossen: Beilklingen – letztlich aus den Westalpen – werden in einem komplizierteren Netzwerk gegen Salz aus Hessen und Mitteldeutschland ausgetauscht, für das wiederum in Frankreich Bedarf bestand. Es entstehen gewaltige Ansiedlungen wie Schierstein, der Glauberg in der Wetterau und der Kapellenberg bei Hofheim. Während in Schierstein tatsächlich mehrere tausend Menschen hätten leben können, dürfte die Zahl der gleichzeitig siedelnden Personen auf dem Kapellenberg eintausend nicht überschritten haben.
Zumindest zu Beginn der Michelsberger Kultur sind einige aufwendige Grabanlagen bekannt, eine – ein Großgrabhügel wie sie auch aus der Bretagne bekannt sind – scheint auch auf dem Kapellenberg errichtet worden zu sein.
Vom Rhein-Main-Gebiet breitet sich die Michelsberger Kultur weiter nach Osten und Süden aus. Gewalt und Krieg haben bei dieser Expansion eine Rolle gespielt und so dürften auch Kriegsgefangene genommen und zu Sklaven gemacht worden sein. Mithin liegen in jener Zeit nicht nur die Ursprünge unserer heutigen globalen Wirtschaft, sondern auch deren negative Folgen wie Menschenhandel und Unfreiheit.
Projektpartner*innen
Stadt Hofheim/Ts., Landesamt für Denkmalpflege Hessen/HessenArchäologie, Wiesbaden, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Geographisches Institut (Prof. Dr. Sabine Fiedler), Goethe-Universität Frankfurt/M, Institut für Physische Geographie (Prof. Dr. Heinrich Thiemeyer), Hochschule Mainz, i3mainz – Institut für Raumbezogene Informations- und Messtechnik
Projektaktivitäten
- Grabungen Kapellenberg
- Archäologischer Rundweg
- Ausstellungen (Kapellenberg)
Projektmitarbeitenden
Das Projekt strebt eine Bewertung der Siedlungs- und Wirtschaftsweise überregional agierender Gemeinschaften am Rande kultureller Einflussbereiche in der späten Bronze- und frühen Eisenzeit (ca. 1100 bis 730 v. Chr.) an. Wichtige Fragen sind dabei: Wie maßgeblich sind die Unterschiede in der Siedlungsorganisation zwischen Kernzonen und Randgebieten innerhalb bestimmter archäologisch klassifizierter Kultureinheiten? Wie manifestieren sich diese Unterschiede konkret an den erkennbaren Organisationsstrukturen und am Fundmaterial und welche Ableitungen ergeben sich daraus?
Es soll geklärt werden, wie in siedlungsgeographischen Randzonen positionierte Gemeinschaften in pan-europäische Verkehrswege und Handelsrouten eingebunden waren. Handelte es sich um verteilende Kooperationspartner zentraler Orte, um Schlüsselmärkte für selbige oder gar um eigenständig Verkehrswege kontrollierende Verbünde? Diese Fragen sind für zahlreiche Regionen Europas in der späten Bronze- und frühen Eisenzeit noch weitgehend ungeklärt, weshalb die Untersuchung großes Potential birgt und wegweisend für zukünftige archäologische Forschungen sein kann.
Das Leben von Gemeinschaften in Randbereichen kultureller Einflusszonen ist sehr wahrscheinlich von einer deutlich geringeren Sicherheit und Zugehörigkeit zu bestimmenden sozialen oder politischen Gruppen gekennzeichnet als dies eben im Kernbereich kultureller Erscheinungen der Fall ist. Dies hat Auswirkungen auf verschiedene Aspekte gesellschaftlichen Lebens, seien es Einbindungen in bestehende Netzwerke oder sozial wie wirtschaftliche Strategien. Zweifellos handelt es sich bei diesen Aspekten um Herausforderungen, auf die in Randbereichen lebende Gemeinschaften anders reagieren mussten als es dies in einer überregional dominierenden Gemeinschaft eines urbanen Zentrums der Fall war. Die bemühten Strategien waren sehr wahrscheinlich auch nicht in jedem Fall von Erfolg gekrönt, was in dieser Zeitstellung bisher überhaupt nicht untersucht ist.
Als primäres Untersuchungsgebiet für das Projekt ist zunächst der Norden des Landes Brandenburg gewählt worden, da sich dieses Gebiet im Spannungsfeld zweier großer kultureller Einflussbereiche befindet, deren Zentren sich jeweils in Nord- bzw. Osteuropa befinden. Gleichzeitig liegen über den Übergang vom 2. zum 1. Jahrtausend v. Chr. aus diesem Gebiet nur vergleichsweise wenige definitive Informationen vor. Maßgeblich zur Beantwortung der erwähnten Forschungsfragen sind daher die Ausgrabungen am Fundplatz Lanke, Kr. Barnim. Die Analyse der Siedlungs- und Organisationsstruktur sowie der Ressourcennutzung und -verwaltung dieser Gemeinschaft wird einen tiefen Einblick in die Kontaktnetzwerke der späten Bronze- und frühen Eisenzeit zu geben vermögen. Erkenntnisse über die Organisationsformen anderer Gemeinschaften lassen sich dazu in Beziehung setzen.
Projektaktivitäten
- Ausgrabungen in Lanke 2020 und 2021
- Auswertung des Fundmaterials und der Befunde
- Kontextualisierung und Bewertung kultureller Konstrukte in NO-Dt.
- Einwerbung von Drittmitteln 2020 und 2021
Projektpartner*innen
- Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum
- TU Darmstadt
- Römisch Germanisches Zentralmuseum Mainz
- Naturvidenskab des Moesgaard Museum Aarhus
- Römisch-Germanische Kommission Frankfurt
- Curt-Engelhorn Zentrum Archäometrie Mannheim
Projektmitarbeitenden
Im römisch-deutschen Reich des Mittelalters waren Herrschaftswechsel an der Tagesordnung. Herrschaft wurde vererbt, verkauft, verpfändet und erobert, was Folgen für die politischen Strukturen und Untertanen nach sich zog. Für Städte konnten solche Veränderungen bedeuten, dass die kommunalen Handlungsspielräume eingeschränkt oder gar der städtische Status auf den Prüfstand gestellt wurde. Im Mittelpunkt des beantragten Projekts steht daher die Frage, wie sich solche Herrschaftswechsel auf das urbane Zusammenleben auswirkten.
Die Fragestellung wird im Zeitraum von 1250–1520 am Beispiel südwestdeutscher Städte untersucht, woraus sich drei Konstellationen und folglich drei Teilprojekte ergeben: In Teilprojekt 1 zu den Städten der Grafen von Nassau gerieten die Städte durch Landesteilungen in neue räumliche Zusammenhänge, wurden mit unterschiedlichen Formen des Herrschaftsaufbaus und der Herrschaftsgestaltung konfrontiert und avancierten zum Teil zu neuen Residenzen. In Teilprojekt 2 geht es um die Städte des Erzstifts Mainz, die sich durch die Wahl ihres geistlichen Stadtherrn fortlaufend Herrschaftswechseln ausgesetzt sahen. Diese Wechsel gingen mit Brüchen in der dynastischen Kontinuität und daher mit unterschiedlichen stadtpolitischen Zugriffen einher. Teilprojekt 3 widmet sich solchen Reichsstädten, die an die Pfalzgrafen bei Rhein und an die Erzbischöfe von Trier verpfändet und nicht mehr ausgelöst wurden und deshalb eine Transformation hin zu Territorialstädten erfuhren.
Der Vergleich der drei Teilprojekte verspricht, das Spektrum der Resilienz städtischer Gesellschaften deutlich werden zu lassen. Für die Beantwortung der zentralen Fragestellung sind daher 1.) Resilienzprozesse und damit die sich aus den Herrschaftswechseln ergebenden Störungen sowie ihre Wahrnehmung zu beleuchten, 2.) Resilienzstrategien zu analysieren, die auf Praktiken und Ideen für die Bewältigung, Anpassung und Transformation rekurrieren, 3.) Resilienzdispositionen zu hinterfragen, also Motive und Verfahrensweisen zu untersuchen, um beispielsweise zu normativen Regelungen zu gelangen, und 4.) Resilienzressourcen anzusprechen, womit Werte und Normen wie der städtische Frieden oder der gemeine Nutzen gemeint sein konnten. Durch dieses Vergleichsinstrumentarium leistet das Gesamtprojekt einen wichtigen Beitrag zu der Frage, wie sich die unterschiedlichen Rahmenbedingungen von Herrschaftswechseln auf den Umgang mit dieser Herausforderung auswirkten – und dies umso mehr, als eine dezidierte Auseinandersetzung in Bezug auf das städtische Zusammenleben im Spätmittelalter noch weitgehend aussteht. Die Zusammenarbeit der Teilprojekte (u. a. in Projektkolloquien, einer wissenschaftlichen Tagung und einer abschließenden gemeinsamen Publikation) gewährleistet umfassende, über den Einzelfall hinausgehende Erkenntnisse über Effekte von Herrschaftswechseln auf die urbane Gesellschaft.
Projektmitarbeitenden
Alltägliche Stress- und Krisensituationen, die sich in der Hauptstadt des römischen Imperiums, der Metropolis Rom, ergeben, untersucht das Fallbeispiel Lebenshilfe im spätrepublikanischen und frühkaiserzeitlichen Rom – Lebenshilfe heute. Anhand einschlägiger Texte, die sich konkret auf die Bewältigung von Stresssituationen, Lebenskrisen und traumatischen Erfahrungen beziehen, wird untersucht, was als Herausforderung/Krise wahrgenommen wird, wie solche individuellen Herausforderungen konzeptualisiert werden, welche prospektiven Praktiken zur Lebenshilfe für die intendierten RezipientInnen (in diesem Fall OberschichtrömerInnen in der Stadt Rom), die aber auch exemplarisch für außerrömische RezipientInnen dieser Texte eintreten, vorgeschlagen werden. In diesem Kontext wird auch deutlich werden, welche kollektiven Institutionalisierungen, Einschränkungen und Möglichkeiten Gemeinschaften für die Bewältigung von individuellen Herausforderungen und Krisen zur Verfügung stell(t)en. Vor allem die Schriften Senecas, die sich größtenteils der Frage zuwenden, wie ein Individuum ein nicht nur im philosophischen Sinne gutes und zufriedenes Leben in der Gemeinschaft führen kann und mit gutem Recht als Vorläufer der modernen Verhaltenstherapie reklamiert werden könnte, wurden in späteren Epochen lebhaft rezipiert und an die eigenen zeitgenössischen Kontexte adaptiert. In einem zweiten Schritt sollen die Ergebnisse mit modernen Psychotherapieansätze verglichen werden. Es ergeben sich auch darüber hinaus weite interdisziplinäre Horizonte, etwa die Frage, wie diese Texte im Mittelalter rezipiert und in Adaption an die eigene Lebenswelt weitergeschrieben wurden.
Das Projekt wurde im Juni 2022 von der DFG bewilligt.
Projektmitarbeitenden
Das Projekt beschäftigt sich mit Fragen nach der Wahrnehmung, Konzeptualisierung und Bewältigung von Herausforderungen am Beispiel der römischen Stadt Mainz und ihres Umlandes. Ziel ist eine Stadtgeschichte, welche nicht mehr – wie meist üblich – als vorrangig politische Ereignisgeschichte gedacht ist und durch archäologische Befunde illustriert wird. Vielmehr sollen verschiedene Herausforderungen innerhalb der Stadtgeschichte identifiziert und deren Bewältigung exemplarisch analysiert werden. Hierbei wird es u. a. um die historische Tiefe von Stadträumen und deren Wahrnehmung im Kontext unterschiedlicher Handlungen gehen. Die römische Stadt Mainz bietet sich für so eine systematische Untersuchung gleich aus mehreren Gründen an:
Gerade die ersten fünf Jahrhunderte der Mainzer Stadtgeschichte sind von zum Teil existentiellen Herausforderungen geprägt. Die Stadt, die in der frühen Kaiserzeit und der Spätantike an der Grenze des Römischen Reiches liegt, ist durch eine starke Militärpräsenz und damit verbunden eine enorme ethnische Vielfalt gekennzeichnet. Bereichert wird dieser Melting Pot durch den hier ab flavischer Zeit angesiedelten Statthalter mit seiner Familie, Freunden und seinem Militärstab. Hinzu kommen fremde Händler, gleichzeitig aber auch Reste der indigenen Bevölkerung. Diese gemischte Bevölkerung hatte mit den logistischen Herausforderungen zu kämpfen, welche mit der Anwesenheit von zwischenzeitlich bis zu vier Legionen verbunden waren. Die archäologischen aber auch schriftlichen Quellen zeugen von fremden Eroberungen und Zerstörungen (368 und 406 n. Chr. durch Germanen), Bürgerkriegen und Aufständen (z.B. dem Bataveraufstand 69/70 n. Chr.), religiösen Umbrüchen (lokale, römische und synkretistische Gottheiten, Mithras und spätestens seit dem 4. Jh. das Christentum) und vielem mehr.
Projektmitarbeitenden
Räume urbaner Verdichtung zeichnen sich durch das Zusammenleben von Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Interessen und Möglichkeiten aus. Im Interesse des Funktionierens eines solchen Raums müssen die unterschiedlichen Gruppen aber immer wieder zusammenarbeiten und in vielen Fällen ist tatsächlich eine mitunter starke Identifikation der Bewohner mit ihrer Stadt und darüber auch mit ihren Mitmenschen zu beobachten. Nach allem, was wir über die Städte im Alten Orient, ihre Bewohner und ihre Verwaltung wissen, gelten diese Beobachtungen nicht erst für moderne Städte, sondern treffen auch auf die frühen Formen urbaner Verdichtung im Vorderen Orient zu. Auf ihnen liegt das Augenmerk des vorliegenden Teilprojekts. Es wird darum gehen, zu untersuchen, wie die Herausforderungen des Zusammenlebens größerer Bevölkerungen sowie einer Balance zwischen Gruppeninteressen und Gemeinschaftsaufgaben in den Städten des Alten Orients angegangen wurden. Ausgangshypothese des Projektes ist, dass altmesopotamische Stadtgesellschaften spezifische Praktiken der Konfliktvermeidung entwickelt haben, auf die sowohl Verwaltungen als auch Familien und Individuen zurückgreifen konnten. Archäologische Quellen liefern Befunde zur Stadtplanung und zur Organisation von Gemeinschaftsaufgaben. Texte können auf die wirtschaftlichen und juristischen Beziehungen bestimmter Bevölkerungsgruppen untereinander und in Beziehung zur Verwaltung verweisen.
Projektmitarbeitenden
Mit der Frage wie Stadtgeschichte in der longue durée jenseits von simplifizierenden Binären wie Krise und Blüte modelliert werden kann, beschäftigt sich das Forschungsprojekt „Krise. Resilienz. Normalität. Stadträume im antiken Vulci“ unter Leitung von Paul Pasieka (JGU Mainz) und Mariachiara Franceschini (Albert Ludwigs-Universität Freiburg), dessen von der Fritz Thyssen Stiftung finanzierte Pilotkampagne „Cityscape und Stadtentwicklung des antiken Vulci“ 2020/2021 durchgeführt wurde. Zentral ist dabei die Frage nach der Aufteilung und dem dialektischen Verhältnis der verschiedenen funktionalen politischen, religiösen, wirtschaftlichen und residentiellen Räume sowie der Besiedlungsstrategien und urbanistischen Strukturen des Gebiets im nördlichen Bereich der antiken Stadt. Das städtische Gemeinwesen sah sich im Laufe der Zeit verschiedenen sozio-ökonomischen Herausforderungen ausgesetzt, die – so bislang gängige und hier zu überprüfende Thesen – primär durch externe Konflikte und sich verändernde politische Strukturen in Zentralitalien und entlang der tyrrhenischen Küste ausgelöst wurden und sich unmittelbar auf den gebauten städtischen Raum ausgewirkt haben sollen. Besonders die Niederlage eines etruskischen Bündnisses in der Seeschlacht vor Cumae 474 v. Chr. und die endgültige Niederlage gegen Rom 280 v. Chr. und der damit einhergehende Verlust der politischen Souveränität werden als historische Zäsuren angeführt. Aus dem Befund der Nekropolen (die berühmte Tomba François ist ein beredtes Beispiel) kann geschlossen werden, dass als Ressourcen zur Bewältigung dieser Herausforderung Vergangenheitskonstruktionen einerseits und eine zunehmend nach innen gerichtete Heiratspolitik und damit demographische Abschottung der lokalen Eliten andererseits eingesetzt wurden. Ziel des Projektes ist es zu untersuchen, ob sich in den urbanistischen Strukturen vergleichbare oder ähnliche Vorgänge nachzeichnen lassen und wie sich das Verhältnis zwischen architektonischer Gestaltung und historischen Ereignissen entwickelt.
Stellung innerhalb der Area: Das stark auf urbanistische Strukturen abzielende Projekt hat seine natürlichen Partner bei den Teilprojekten, die sich größeren Siedlungen auf archäologischer Grundlage widmen. Dazu gehören u.a. die Arbeiten von Tobias Helms (Tell Cuerha) und Alexander Pruß (Soziale Balance). Der Krisenbegriff, der hier auf das gesamte städtische Gemeinwesen angewendet wird, erfährt dagegen eine Ergänzung durch das stärker auf Individuen abzielende Teilprojekt von Christine Walde (Lebenshilfe).
Projektmitarbeitenden
Ausgangspunkt des Projektes ist, dass die zahlreichen auf Tragödie oder Komödie verweisenden Darstellungen nicht nur einen Ausschnitt aus einem von der Bühne oder einer schriftlichen Fassung bekannten Theaterstück zeigen, sondern gleichzeitig auch Konstellationen des Zusammenlebens und zwischenmenschliche Interaktionen thematisieren bzw. konzeptualisieren. Mit diesen sind Herausforderungen verbunden, deren Spektrum sich von wiederkehrenden alltäglichen Problemen (z.B. Familienzwistigkeiten) bis hin zu einschneidenden einmaligen Erlebnissen (z.B. Vertreibung, Flucht) oder moralisch-ethischen Fragen (z.B. Rache) erstreckt.
Gegenstand des Projektes ist eine Untersuchung tragödien- und komödienbezogener Darstellungen im römischen Hauskontext. Ziel ist es, die potentiellen Bezugs- bzw. Assoziationsrahmen etwaiger Betrachter (also der Auftraggeber bzw. Käufer, Bewohner, Gäste u. a.) aufzuschlüsseln und so herauszuarbeiten, welche Themen und Aussagen mittels der Darstellungen in die durch Bilder und anhand von Bildern geführten Diskurse eingespeist wurden. Dabei ist u. a. zu fragen, welche (Lebens)situationen dargestellt und wie diese gestaltet sind, welche Arten von Herausforderung von Betrachtern mit den Darstellungen verbunden werden konnten, welche Personen(gruppen) jeweils in eine Situation bzw. Herausforderung involviert sind und welche Rolle sie in dieser spielen sowie welchen Lebens- bzw. Handlungsbereichen die fraglichen Herausforderungen zuzurechnen sind. Im Zentrum des Projektes steht eine Fallstudie zu den Häusern in Pompeji, die in einen geographisch, chronologisch und kontextuell breiteren Rahmen eingebettet wird, um den Befund auf Spezifität und Zeitgebundenheit zu überprüfen. Entsprechend werden zunächst die einschlägig ausgestatteten Häuser Pompejis in Einzelstudien untersucht, und sodann die Ergebnisse unter Einbeziehung unkontextualisierter Funde aus dem Stadtgebiet in einer Gesamtauswertung zusammengeführt. Anschließend wird dieses Ergebnis mit einer Spektrumsanalyse der überlieferten Tragödien- und Komödientexte verglichen und gefragt, welche Bestandteile des Spektrums im Rahmen der bildlichen Ausgestaltung von Häusern ausgewählt wurden. Abschließend soll der Befund in Pompeji dem Gesamtbestand aller derjenigen komödien und tragödienbezogenen Darstellungen gegenübergestellt werden, die zwischen dem 2.Jh. v. Chr. und dem 4.Jh. n. Chr. entstanden und im Gebiet Italiens in verschiedenen Kontexten verwendet wurden.
Mit der Analyse der bislang noch nicht unter den genannten Gesichtspunkten betrachteten theaterbasierten Darstellungen soll das Projekt einen Beitrag zu der Frage leisten, wie Mitglieder einer städtischen Gemeinschaft durch das Zusammenleben mit anderen Menschen entstehende Herausforderungen konzeptualisieren und welche Arten von Herausforderung hierbei im Fokus stehen.
Projektpartner*innen
Projektmitarbeitenden
Urbane Handlungsräume sind in besonderem Maße von komplexen sozialen Gefügen und Hierarchien geprägt, die es aufrechtzuerhalten, zu legitimieren und zu organisieren gilt. Akteure, die Ressourcen, Wissensbestände und Netzwerke außerhalb des urbanen (oder im engeren Sinne politisch normativen) Diskursraums zu aktivieren vermögen – darunter mobile Akteure, transregional vernetzte Gruppen, Subkulturen und Parallelgesellschaften – können zur Herausforderung für das Selbstverständnis und den Legitimitätsanspruch der städtischen Ordnung und zum Auslöser für soziale Spannungen, Krisen und Wandel werden.
Die Existenz von sozialen Formierungen, die sich außerhalb des ‚zivischen‘ Raumes stellen, hat das Potential, als Herausforderung an den normativen Geltungsanspruch der zivischen Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Sie kann sichtbar machen, dass der Anspruch der zivilen und politischen Gesellschaft, normative Leitinstanz (und geradezu Verkörperung) der Stadt als solcher im Sinne einer homogenen Gesellschaft zu sein, im Widerspruch steht sowohl zur Realität beständiger Fluktuationen zwischen Stadt und Umwelt als auch zur Vielfältigkeit der sozialen Rollen einzelner Stadtbewohner, die zugleich Angehörige der zivischen Gesellschaft wie auch separater Gruppen mit jeweils eigenen Normenapparaten sein können.
Das Teilprojekt nimmt separate Akteursgruppen mit ihren Handlungsspielräumen in den Blick, die im Projekt an Beispielen aus verschiedenen Epochen (Antike bis frühe Neuzeit) mit untersucht werden. Dabei liegt ein geographischer Schwerpunkt im östlichen Mittelmeerraum (besonders auf Kleinasien sowie der historischen Region Syrien) und ein thematischer Fokus auf religiösen Fundierungen sozialer Kohäsion (z. B. ‚separate Religion‘ in der Antike).
Einen ersten Ansatzpunkt bietet die Perspektive der ordnenden Instanzen auf separate Gruppen und Akteure: Wer äußert sich zur Ordnung in der Stadt, welche unterschiedlichen Vorstellungen kursieren, und welche setzen sich durch? Welche Kategorien, Konzepte und Begriffe finden bei der Beschreibung und Abgrenzung separater bzw. separierter Gruppen Verwendung? Einen zweiten, komplementären Zugang bietet der Fokus auf Gruppen und Akteure, die als separat wahrgenommen werden und/oder sich selbst in dieser Weise verstehen: Wie konstruieren separate Gruppierungen ihre Identität, ihren Statues und ihre Kohärenz? Wie nehmen sie die Differenz zu zivischen bzw. Urbanen Ordnungen wahr? Wie bewältigen Sie damit einhergehende Konflikte? Hier geraten insbesondere Akteure in den Blick, die Zugang zu alternativen Ordnungssystemen haben: So z.B. mobile Akteure und nomadisch, tribal, genealogisch oder vereinsmäßig organisierte Gruppierungen.
Vor dem Hintergrund verschiedener soziokultureller Rahmenbedingungen fragt das Teilprojekt insbesondere nach Prozessen, durch welche die Präsenz separater Gruppen als Herausforderung wahrgenommen und konzeptualisiert wird und untersucht Reaktionen, die diese Herausforderungen im Handeln der normgebenden Leitinstanzen sowie für die betroffenen Separatgruppen hervorrufen. Beide Seiten sind dabei nicht klar voneinander getrennt, sondern wirken wechselseitig aufeinander ein, während das Verhältnis zwischen zivischer Gesellschaft und (nur in manchen Fällen weiterhin) separaten Gruppen beständig neu verhandelt wird.
Als Fallbeispiele sind vorgesehen: 1. Re-Aristokratisierung des Ritus im Mysterienfrevel von 415 v. Chr.? (Aufsatz Blank); 2. Separate Sozialformen im frühen Christentum zwischen Verein und Parallelgesellschaft (2-3 Qualifikationsschriften im Rahmen eines möglichen Drittmittelprojekts Blank); 3. Entzauberte Rituale. Spuren der Fluchtafeln und ihre Diskurs-Funktion für die Adressatenschaft der Johannesoffenbarung im Kleinasien des 1. Jhs. N. Chr. (Qualifikationsschrift Hölscher); 4. Genealogisch, transregional organisierte Gruppierungen im osmanischen Kontext (Prophetennachkommen zwischen Stadtgesellschaft und alternativen Handlungsräumen) (Aufsatz Henning); 5. Schilderungen tribaler und nomadischer Akteure in osmanischer Ratgeberliteratur (normative Texte über soziale Ordnung) (ev. Qualifikationsschrift Henning)
Projektmitarbeitenden
Das Projekt untersucht den Zusammenhang zwischen kollektiver Gewalt, soziopolitischer Organisation und der Genese frühbronzezeitlicher Stadtstaaten in Nordmesopotamien. Die Untersuchung erfolgt anhand eines konkreten Fallbeispiels: die ca. 70 Hektar große Siedlung Tell Chuera (Nordsyrien). Die Datengrundlage für das Projekt bilden die komplexen Befestigungsanlagen dieser frühen Stadtanlage sowie ein Zerstörungshorizont, der die Überreste von mindestens hundert Individuen barg und in das 25. Jh. v. Chr. datiert werden kann. Die Diskussion und Auswertung der Daten erfolgt vor dem Hintergrund aktueller Rekonstruktionen zur diachronen Entwicklung der Stadtanlage und ihrer Infrastruktur (Straßensystem, Wohnviertel, Ritualkomplexe etc.) im Zeitraum zwischen ca. 3000 bis 2200 v. Chr. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf der Organisation der Stadtverteidigung, der Rolle von Auseinandersetzungen als Push-/Pull-Faktoren urbaner Verdichtungsprozesse und dem Impact gewaltsamer Konflikte auf die sozialräumliche Struktur frühstädtischer Siedlungen. Ferner geht das Projekt der Möglichkeit nach unterschiedliche Formen gewaltsamer und latent gewaltsamer Konflikte auf der Grundlage archäologischer Beobachtungen zu differenzieren.
Stellung innerhalb der Area: Das Teilprojekt ist innerhalb der Thematic Area T3 vor allem mit den räumlich und zeitlich direkt anschließenden und inhaltlich als komplementär zu verstehenden Forschungen von Alexander Pruß (Soziale Balance) verzahnt, da in beiden Untersuchungen Fragen der archäologisch fassbaren Stadtplanung und -organisation z.T. im Abgleich mit Textzeugnissen im Vordergrund stehen. In dem ein gesamtes urbanes Gefüge in einer longue durée fokussierenden Ansatz finden sich ferner Schnittmengen mit den Teilprojekten von Paul Pasieka (Vulci) und von Johannes Lipps (Mogontiacum).
Projektmitarbeitenden
Der Profilbereich Challenges wird gefördert aus den Mitteln der Forschungsinitiative des Landes Rheinland-Pfalz.