Herrschaft und damit verbunden Aneignung, Aushandlung, Erhalt und Verlust von Macht, aber auch Herrschaftslosigkeit, sowie ein breites Spektrum hiermit verknüpfter Konflikttypen (z. B. Sturz eines Herrschers oder Eskalationen bis hin zum Krieg) stellen zentrale Herausforderungen dar, und zwar sowohl für einzelne Akteure als auch für Gemeinschaften und Gesellschaften. Zugleich können die Etablierung und Absicherung von Herrschaft durch die Etablierung eines Herrschaftsapparates oder die Einführung bürokratischer oder gesetzlicher Herrschaftsinstrumente aber auch eine Reaktion auf verschiedene Bedrohungen wie die eines umkämpften oder herrschaftsfreien Raumes sein, also als Bewältigungsstrategie dienen. Herrschaft von Individuen über unterschiedlich begründete und strukturierte Gemeinschaften entsteht im Spannungsfeld zwischen diesen Polen, sie strebt mit unterschiedlichen Methoden und Praktiken auf der einen Seite nach der Überwindung von Bedrohungen (u.a. durch das Bemühen um Legitimation), auf der anderen Seite nach Expansion. Dabei kann Herrschaft sich um die Lösung von Konflikten bemühen oder auch selbst Konflikte innerhalb der Gemeinschaft oder mit äußeren Kräften verursachen.

Die Thematische Area ‚Geforderte Herrschaft befasst sich mit dem Zeitraum von den ältesten Stadtstaaten des Alten Orients bis in die europäische (Vor-)Moderne. Hieraus ergibt sich, dass zumeist Monarchien als (zumindest nominelle) Herrschaft eines Individuums über eine Gemeinschaft im Fokus stehen. Betrachtet werden vor allem solche Herausforderungen der Organisation von Herrschaft und des Umgangs mit Konflikten, die zum Teil voraussehbar und erfahrungsbasiert sind, so dass sie, als solche wahrgenommen und konzeptualisiert, mit einer prospektiven Planung zu bewältigen sind. Mit dem Blick auf die Rezeption solcher traditionsreichen Ideen von Herrschaft und herausgeforderter Herrschaft in der Erforschung und musealen Vermittlung nicht-staatbildender metallzeitlicher und frühmittelalterlicher Kulturen nördlich der Alpen wird zudem untersucht, wie die Gegenwart der Forschung deren Perspektiven auf vergangene Herrschaften und deren Herausforderungen prägt.

In der Person eines politischen Oberhauptes kumulieren Bewältigungskonzepte verschiedener Herausforderungen, die situativ unterschiedlich wahrgenommen werden. Schriftliche und bildliche Quellen (zeitgenössisch, historisch, rezent wissenschaftlich) ermöglichen es, die Figur eines Herrschers zu (re-)konstruieren, die je nach Bedarf unterschiedliche Zuschreibungen erfährt bzw. Rollen ausfüllt. So amalgieren z. B. durch Projektionen und Erwartungen einerseits typische, andererseits individuelle Züge zu einer konstruierten oder abstrahierten Figur. Diese kann ambivalent konnotiert sein und als medial vermitteltes Herrscherbild selbst zur Herausforderung werden.

In dem Projekt wird es zunächst darum gehen, im interdisziplinären Vergleich mehrere Typen von Herrscherfiguren zu beschreiben sowie in transkultureller Perspektive nach möglichen epochen- bzw. kulturspezifischen Varianten zu fragen. In einem zweiten Schritt ist auf Bedingungen und Kontexte der Konstruktion bestimmter Herrscherfiguren zu reflektieren. Hierbei ist zu fragen, welche Figuren eingesetzt werden, um (a) das Entstehen/Bestehen einer Herausforderung retrospektiv zu erklären; (b) jeweils situationsbezogen oder auch situationsübergreifend eine prospektive Handlungsempfehlung zu generieren. Auf diese Weise soll kultur- und epochenübergreifend das Potential genauer bestimmt werden, welches die Konstruktion von bestimmten Herrscher-Bildern jeweils im Rahmen von Wahrnehmung, Konzeptualisierung und Bewältigung von Herausforderungen bot.

Konkret sollen in diesem Zusammenhang die Figuren

  • des alten Herrschers
  • des kranken, verletzten und sterbenden Herrschers
  • des fremden Herrschers
  • des gut bzw. schlecht beratenen Herrschers
  • des langjährigen Herrschers
  • des reformierenden Herrschers

analysiert werden. Die hier definierten ‚Typen‘ beziehen sich auf die physische Verfassung des Herrschers (1, 2) und erforschen die Argumentationsstruktur der Herrscherdarstellung sowie die gesellschaftliche Reaktion. Ethnische oder religiöse Hintergründe eines Herrschers (3, 4) generieren Diskurse, die als Bewältigungsstrategien zu beschreiben sind. Schließlich können intensive Kontinuität (5) und Diskontinuität (6) von Herrschaft, die mit einem einzelnen Herrscher in Verbindung stehen, besondere gesellschaftliche Reaktionen hervorrufen. Die auf diese Weise entstehenden Querschnittsbereiche beinhalten einerseits Herausforderungen wie körperliche Konstitution oder soziale Gegebenheiten, andererseits aber auch Lösungsstrategien wie den Rekurs auf Berater oder Kontakte nach außen.

Projektmitarbeitenden

Betrachtet werden sowohl Frauen, die quasi als Ko-Regentinnen bzw. Herrscherinnen an der Seite des Herrschers erscheinen, als auch Frauen im näheren Umfeld eines männlichen Herrschers (Ehefrauen, Mütter, Schwestern, Konkubinen etc.). Zu fragen ist, in welchen Konstellationen Frauen in Machtzentren besonders präsent sind und welche Funktion diese weiblichen Figuren für die Konzeptualisierung von Herrschaft sowie die Kategorisierung des jeweiligen Herrschers erfüllen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt hierbei auf der Frage, welche Rolle Frauen bei der Bewältigung der Herausforderungen spielen, mit denen der Herrscher jeweils konfrontiert ist (aktiv, Eigendarstellung, Fremddarstellung). Im weiteren Fokus steht darüber hinaus die (variierende oder gleichbleibende) Beurteilung dieses weiblichen Engagements von den zeitgenössischen Quellen bis hin zur modernen Forschungsliteratur.

Projektmitarbeitenden

Kriege, ob symmetrische oder asymmetrische, stellen nicht nur für vormoderne Herrscher, sondern auch für die Gemeinschaften eine in vielfacher Hinsicht existenzielle Herausforderung dar. Abhängig von deren mitunter auch widerstreitenden Interessen werden verschiedene Bewältigungsstrategien entwickelt, die von der theoretischen, mitunter religiösen Legitimation des Krieges – bzw. Krieg als Bestandteil einer Legitimationsstrategie – über die Herstellung von Waffen und Entwicklung von militärischen Strategien über die Klärung des Umgangs mit Gefangenen, Kranken und Toten bis hin zur Interpretation von Siegen und Niederlagen reichten. Ob sich ein Herrscher im Anschluss an der Macht halten kann, hängt darüber hinaus wesentlich davon ab, wie die entstehenden Kriegsnarrative über ihn urteilen bzw. inwiefern er diese zu manipulieren versteht.

Das Projekt ist eine themenbezogene Kooperation mit einzelnen Beteiligten des GRK 2304: „Byzanz und die euromediterranen Kriegskulturen. Austausch, Abgrenzung und Rezeption“ und versteht sich als Form der gezielten Nachwuchsförderung.

Projektpartner*innen

Projektmitarbeitenden

Zwischen dem Tod des letzten im ganzen Frankenreich akzeptierten Merowingerkönigs (Dagobert I., †639) und der herrschaftlichen Festigung durch die Karolinger Karl Martell und Pippin d. J. Mitte des 8. Jh. war Herrschaft von verschiedenen Seiten her permanent unter Druck und in Frage gestellt. Weder der Untergang der Merowinger noch der Aufstieg der Karolinger waren folgerichtige oder gar zwingende Entwicklungen im realhistorischen Sinne; es war vielmehr eine sich über Jahrzehnte erstreckende, diskontinuierliche Verschiebung realer Macht, die nicht wenig auch vom dynastischen Zufall abhing. Das Projekt verfolgt die Frage, in welcher Weise der Liber historiae Francorum diese kontingenten Prozesse darstellt und in Sinnzusammenhänge einordnet, sie zu einer knappen und eingängigen Geschichtsdarstellung verwebt und somit ein konkludentes Narrativ erschafft. Dieses Narrativ stellt nicht nur die konkrete Bewältigung von Herausforderungen herrscherlicher Macht deutend und kommentierend dar, sondern trägt – insbesondere durch die aktualisierte Zweitfassung (ca. 790) – selbst zur erinnernden Bewältigung der politischen Erschütterungen des Frankenreichs bei. Durch den Vergleich von erster und zweiter Fassung fokussiert das Projekt sowohl auf die Funktion des Narrativs in Hinblick auf Wahrnehmung und Konzeptualisierung als auch auf die Bewältigung von Herrschaftskrisen.

Projektmitarbeitenden

Der Profilbereich Challenges wird gefördert aus den Mitteln der Forschungsinitiative des Landes Rheinland-Pfalz.